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"WIR SIND WIE FISCHE, DIE DEN SEE LEER SAUFEN, IN DEM SIE SCHWIMMEN." DAS KÄNGURU
AKTUELLES
Transphobie im Pressekontext
Ahnungslos in Hamburg

Liebe Kommiliton*innen,

bitte öffnet folgenden Link, welcher zum Artikel „Elsa sucht - wohnungslos in Hamburg“ führt. Als Negativbeispiel möchte ich euch anhand dieses Artikels zeigen, wie trans*- bzw. non-binary-feindlicher Journalismus aussehen kann:

https://fink.hamburg/2018/04/elsa-sucht-wohnung-suche/

Die FINK.Hamburg ist ein Online-Magazin des Masterstudiengangs „Digitale Kommunikation“ am Campus Finkenau. Elsa* hat sich freiwillig für dieses Interview im April diesen Jahres zur Verfügung gestellt. Seit dem 26. April ist der Artikel online.
Die ersten Sätze des einführenden Absatzes sind bereits schlichtweg übergriffig. Das Wort „fühlt“ impliziert, dass es nur der subjektiven Wahrnehmung entspricht und dass es sich nicht um eine Tatsache handelt. Dass keine Zugehörigkeit zu einem Geschlecht bei Elsa vorläge, deutet auf die heteronormative Vorstellung hin, es gäbe nur zwei Geschlechter. Im selben Atemzug werden darauffolgend die Wörter „arbeitslos“ und „Albtraum“ genannt und Elsa damit vollends stigmatisiert.
Den Beginn des Hauptteils hätte ich nach meinem persönlichen Treffen mit Elsa anders formuliert, hier liegen wohl unterschiedliche Wahrnehmungen derselben Person zwischen mir und dem Autor vor. Sauber und sorgfältig beobachtet, so wie es das Presserecht verlangt, habe der Autor die Situation, so eine Vertreterin der FINK.Hamburg. Ebenfalls gute journalistische Beobachtung, so die Vertreterin, habe der Autor mit dem Satz „Der Stimme und den Gesichtszügen nach zu urteilen ist Elsa ein Mann, sie kleidet sich aber wie eine Frau“ (Z.11ff) in Worte gefasst. Auch dieser Aussage liegt erneut die Vorstellung zugrunde, dass es nur zwei Geschlechter gibt. Diese Vorstellung diskriminiert und entwürdigt alle Menschen, die sich hier nicht wiederfinden können. Vorrangehend wird zwar betont, dass Elsa weder dem weiblichen noch dem männlichen Geschlecht angehört, mit diesem Satz, wird ihre Entscheidung allerdings wieder abgesprochen, denn dem Autor zufolge, könne man sie ja nun doch zuordnen. Auf Elsas drängen nach der Veröffentlichung wurde mit einer Fußnote ans Ende des Artikels angefügt, dass Elsa sich selbst als nicht-binär bezeichnet. Dass ihre Selbstbezeichnung nicht im Text selber auftauchen kann, sondern lächerlich klingend ans Ende geklatscht wird, wurde ebenfalls mit journalistischen Standards begründet. Aber rechtfertigen journalistische Standards und Gesetze diskriminierende Ausdrucks- und Verhaltensweisen?
Schon in den ersten Absätzen weist der Artikel also erhebliche Mängel in seinem Umgang mit Elsa bezogen auf ihre geschlechtliche Zugehörigkeit auf. Und jetzt kommt der Punkt der ganzen Sache: Eigentlich soll es um die Suche nach einer Wohnung in Hamburg gehen! Das Gegenargument, was von Seiten der FINK Hamburg kommt, ist, dass ihr nicht-binäres Dasein, eins der Gründe ihrer Wohnungslosigkeit ausmacht und daher ja auch behandelt werden müsse. Für ihre Arbeitslosigkeit wird sie hingegen nicht stigmatisiert, das wäre dann wohl ein Tabu?! Es wäre definitiv möglich gewesen, das Thema Geschlechtsidentität auf respektvolle Weise zu behandeln und das war laut FINK.Hamburg auch die Intention. Eigentlich wollte der Autor nämlich für die Queer-Thematik sensibilisieren. Dafür muss man aber nicht rücksichtslos auf den sensiblen Punkt weiter eingehen. Beispielsweise würde man auch bei einer Person of Colour nicht darauf eingehen, wie dessen Hautfarbe zum Outfit passt. Mit diesem Beispiel möchte ich deutlich machen auf welcher Ebene die Diskriminierung hier passiert.
Hinzu kommt, dass es sich bei diesem Vorkommnis um keinen Einzelfall handelt. „Zahllos sind die Beispiele medialer Darstellungen von trans* Menschen, die an den Lebensrealitäten vorbeigehen, sie verkürzen, und stereotyp, klischeehaft oder exotisierend sind“ (TransInterQueer e.V., 2014). Die
Verwirrung, die eine Trans* oder Non-Binary Person auslöst, wenn sie ihre Identität offenlegt, soll dann als das ihre/seine Problem anerkannt werden, anstatt sich selber mit der Thematik zu beschäftigen und zu reflektieren. Dieses Muster ist u.a. häufig zu beobachten.
Erschreckend an der ganzen Sache ist, dass laut den Verantwortlichen der FINK.Hamburg, wie auch der öffentlichen Rechtsauskunft, presserechtlich alles korrekt abgelaufen ist. Dennoch ist die Person, die Elsa in dem Artikel darstellt, persönlich verletzt und entmündigt worden. Nach dem sich Elsa kräftig beschwert hat und über mehrere Kanäle versucht hat auf ihren Unmut aufmerksam zu machen, ist sie von jeglicher Kommunikation mit der FINK.Hamburg ausgeschlossen worden. Daraufhin ist der Fall an mich, Referat für Antidiskriminierung, herangetragen worden, aber auch aus der Position des AStAs bleibt nur noch die Infomail, um auf diese Ungerechtigkeit hinzudeuten.
Der Fall verdeutlicht, dass das Gesetz nicht gleichzeitig ein Wegweiser für Moral ist. Wir müssen in einer Welt, die divers ist und noch viel diverser werden wird, anfangen Minderheiten zuzuhören und ihre Bedürfnisse ernst zu nehmen. Es reicht nicht aus, sich auf das geschriebene Recht zu berufen. Gesetze dürfen Diskriminierung nicht legitimieren. Wir müssen dieses Recht auch immer wieder hinterfragen und bei Auslegungsfragen auf die Stimmen der Betroffenen hören, anstatt ihnen abzusprechen, sich ungerecht behandelt zu fühlen.
Es bleibt weiterhin daran zu arbeiten, für mehr Sensibilisierung in der Gesellschaft zu sorgen. Von Elsas Seite, der des AStAs, wie auch von Seiten einiger solidarischer Unterstützer*innen, wird gefordert, den Artikel aus dem Netz zu nehmen, die FINK.Hamburg weist diese Forderung zurück.

*Ich habe den anonymisierten Namen aus dem Artikel übernommen


Quellenverzeichnis

Tobias Bug (2018): Elsa sucht – wohnungslos in Hamburg, in: FINK.Hamburg [online]; https://fink.hamburg/2018/04/elsa-sucht-wohnung-suche/ (10.07.2018)

TransInterQueer e.V. (2014): Trans* in den Medien, Informationen für Journalist_innen [online];

http://www.transinterqueer.org (10.07.18).

 

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